Victoria Rosenman
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Artist Statement

Für Victoria Rosenman ist Angst kein Ausnahmezustand, sondern Material. Sie ist Ausgangspunkt, Konstante und Antrieb ihrer künstlerischen Arbeit. Rosenman versteht Angst als das ehrlichste Gefühl des Menschen, als einen Zustand, der uns unmittelbarer mit uns selbst konfrontiert als jede Form von Sicherheit.

In ihren Arbeiten untersucht sie psychische Zustände und gesellschaftliche Machtstrukturen, die gleichzeitig existieren und sich fortlaufend verschieben. Im Zentrum steht die Frage, wie tief Macht in unser Denken eingeschrieben ist und wie sehr gesellschaftliche Konstruktionen unsere Wahrnehmung, unsere Entscheidungen und unser Verständnis von Identität prägen.

Ihre Medien wechseln bewusst, weil sich weder Angst noch Identität eindeutig festlegen lassen. Rosenman versteht sich dabei als Anthropologin der Gegenwart: mit dem Blick auf innere Zustände, soziale Dynamiken und die Fragilität menschlicher Rollenbilder.

Dort, wo Kontrolle brüchig wird, Spannung in Auflösung kippt und Widersprüche nebeneinander bestehen dürfen, entsteht ein Moment von Klarheit. Genau dort beginnt ihre Kunst.

Ausgewählte Visionen

Vom Vernichten einer Muse

Inszinierte Fotografie (Fine Art Prints, Polaroids, Texte)

Für ihr Debütprojekt in Berlin Vom Vernichten einer Muse untersucht Victoria Rosenman zwischenmenschliche Beziehungen als fragile und aufgeladene Gefüge zwischen Nähe, Projektion und Kontrolle.

Im Zentrum stehen Menschen, denen Rosenman bewusst intensiv begegnet. Beziehungen, die sie sucht, beobachtet und als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit versteht. Diese Personen werden zu Musen und zugleich zu Projektionsflächen. Dabei interessiert sie nicht nur der Mensch selbst, sondern auch die Frage, was in dem Moment entsteht, in dem Wahrnehmung beginnt, ein eigenes Bild zu formen.

Entscheidend ist das gleichzeitige Nebeneinander von Darstellung und Präsenz. Der fotografische Blick auf eine Person, geprägt von Rosenmans subjektiver Wahrnehmung, trifft auf den real anwesenden Körper als Ursprung dieses Bildes. Beides existiert gleichzeitig im Raum und steht in einem unmittelbaren Spannungsverhältnis.

Zwischen Bild und Mensch entstehen Reibung und Widerspruch. Projektion trifft auf Realität. Nähe auf Kontrolle. Wahrnehmung auf tatsächliche Existenz. Vom Vernichten einer Muse macht diese Verschiebungen sichtbar.

Selbstgeschriebene Manifeste

Sechs Texte zum Verhältnis von Muse, Künstler und der Vernichtung determinierender Grenzen.

Nr. 1

Neue Formen und Memorial der eigenen Glückseligkeit

Der Mensch wird zum Fundament meiner Kunst und unterliegt im künstlerischen Prozess einer Transformation, die nicht mit universeller physischer Wahrnehmung einhergeht. Diese Transformation wird von mir in greifbarer Form und als Endprodukt gezeigt. Sobald der Mensch zur Muse wird beginnt eine neue Form des Schaffens und des Wachstums der Kunst. Die Muse und der Künstler durchleben Phasen in denen sie ihre Positionen tauschen, Emotionen entwickeln, die die Authentizität der eigenen Persönlichkeit hervorbringen und somit zum Progress des Neuen beitragen. Die Muse ist ein Werkzeug um Illusionen zu manifestieren, denn meine Visionen sind befreit von Logik und Realität, haben keine klaren Intentionen und Botschaften nach Aussenwelt, sondern dienen ausschliesslich der eigenen Glückseligkeit und dem eigenen Wohlergehen. Ich manifestiere Illusionen, denn diese bringen mich zur neuen Formen und zur Kunst. Meine Illusionen lebe ich in der Muse aus. Die greifbare Form ist eine Erinnerung an eigene Glückseligkeit und Transformation der Muse.

Nr. 2

Prädestination und Transformation einer Muse

Ein Mensch der zur Muse wird, muss im Inneren Polaritäten aufweisen, die stark reizen. Äussere Erscheinung soll ebenfalls zu der Wirkung einer vollkommenen Diskrepanz führen, die innerhalb eines Charakters erkennbar ist. Die Muse darf also nur „im Reinen mit sich selbst sein", wenn das Streben nach der Harmonie einer Obsession gleicht. Alle Störungen und Ängste der Muse sind Instrumente zum Auslösen des künstlerischen Prozesses und dienen zur Erschaffung der neuen Form. Die Muse und der Künstler sollen eine Beziehung anstreben, die nicht auf physischer Anziehungskraft basiert, sondern eine höhere, kontemplative Ebene erreicht. Das Streben nach Utopie ist notwendig, denn es ist a priori eine Handlung, die erschöpfend ist, Denkprozesse auslöst und zur Erkenntnissen führt, die unmittelbar zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit beitragen.

Nr. 3

Die Vergänglichkeit der Muse und die Requiem-Box

Muse und Künstler agieren instinktiv: der Aufenthalt der Muse im künstlerischen Prozess wird nicht vorher bestimmt. Die Wandlung der Intensität über Notwendigkeit der jeweiligen Muse ist willkürlich und immer temporär. Das Verlangen das Dasein der Muse festzuhalten und daraus resultierende Instabilität der Prognose über den künstlerischen Erfolg sind Auslöser einer künstlerischen Spannung und gar eines Ausnahmezustands, der zur Radikalität führt. Die Requiem-Box ist eine reale Schachtel, dessen Inhalt nicht real ist. Den Inhalt der Requiem-Box füllt die vom Künstler erfahrene Abwesenheit einer besonderen Muse, deren Anwesenheit schon zu erfahren war. Diese bewusste Wahrnehmung der Trauer nach Etwas, dessen Greifbarkeit und Realität infrage gestellt wird, bezeichne ich als Requiem. Das Requiem-Box ist ein essentieller Bestandteil der Kunst „Vom Vernichten einer Muse".

Nr. 4

Illusionierte Wahrheit deren Ursprung die Muse ist

Die Endtransformation der Muse ist mein Kunstwerk. Sie ist ein aktives Instrument und bleibt nicht in der Position der Inspirationsquelle verhaftet. Die Muse ist kein Antrieb zu neuen Ideen, sondern transformiert sich zur ganzen Kunst. Um die Transformation erfolgreich zu vollenden muss die Muse bereit sein ihren Ängsten und Phobien zu stellen und diese möglichst intensiv zu erfahren. Sobald die Muse ihre Unantastbarkeit aufgibt übergeht sie in eine neue Phase und gewinnt an mehr Kraft. Der Mensch, der zur Muse wird, hat das Privilegium eine hohe Prädestination zu erlangen, d. h. ein Teil von sich preiszugeben, der zu Kunst und zu einer illusionierten Wahrheit wird.

Nr. 5

Illusionierte Wahrheiten als Kunst

Die Definition der Wahrhaftigkeit in der Kunst, als Beurteilungskriterium für die Qualität, leidet an Subjektivität des Rezipienten. Die Wahrhaftigkeit der Kunst kann keinen universellen Konsens finden, weil es eine Tiefe besitzt, die nicht mit der individuellen Ästhetik jedes einzelnen Subjekts nivelliert werden kann. Ich werde keine Versuche unternehmen eine klar wahrzunehmende Realität anhand der gegeben Realität zu schaffen, um zu einer gewissen universellen Feststellung beizutragen. Meine Illusionen werden vorangetrieben um eine Mehrzahl der Wahrheiten zu bieten, die jedem wahrnehmenden Subjekt die Freiheit lässt, unterschiedliche Realitäten und daraus resultierende Illusionen zu geniessen.

Nr. 6

Die Muse als Material mit Vernunft

Die Muse hat in meiner Kunst eine externe materielle Anfangsform und zwar die des Menschen. Der Verstand des Menschen wird zum Konstrukt der Grenzzustände der Muse, dessen Wirkung später in Kunst umgewandelt wird. Um den künstlerischen Prozess auszulösen muss die Muse dazu herausgefordert werden, diese Polaritäten zu erkennen, um eigene determinierende Grenzen zu vernichten. Die Vernichtung dieser Grenzen passiert nur dann, wenn die Muse bereit ist, einem Zustand der Unbehaglichkeit zu verfallen, der durch den Künstler provoziert wird. Der Zustand der bewussten Indisposition kann heute nur bei einem Wesen mit Vernunft erreicht werden und daher ist der Mensch als Muse die Voraussetzung dafür.

Konzepte für Milderungen

Objekte, Installationen, Malerei, Zeichnungen

Konzepte für Milderungen ist ein fortlaufender Werkkomplex von Victoria Rosenman, der sich mit einem zugleich ironischen und existenziellen Blick dem Bewältigen des Alltags widmet. Ausgangspunkt ist die Schwere des Daseins.

In einem medienübergreifenden Zusammenspiel aus Objekten, Malerien, Installationen und Performances entstehen Arbeiten, die diese Zustände nicht auflösen oder erklären wollen. Stattdessen untersuchen sie, welche Formen von Umgang, Linderung oder Akzeptanz möglich werden können.

Ironie wird dabei nicht als Distanz verstanden, sondern als Strategie der Annäherung. Zwischen Ernsthaftigkeit und Überzeichnung eröffnet Konzepte für Milderungen Räume, in denen Verletzlichkeit, Widerspruch und Überforderung sichtbar werden dürfen. Das Projekt versteht sich als eine Sammlung möglicher Antworten auf die Schwere des Lebens: provisorisch, persönlich und offen für Ambivalenz.

CV

Victoria Rosenman, 1986 in Pskow geboren und in Sankt Petersburg aufgewachsen. Absolvierte in Deutschland 2008 ihr Abitur in Freiburg im Breisgau und begann im selben Jahr ihr Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel bei René Levi und Katrin Freisager, das sie 2011 mit dem Bachelor abschloss.

Seit 2012 lebt und arbeitet Rosenman in Berlin. Dort entwickelte sich ihre künstlerische Praxis zwischen persönlicher Erfahrung, konzeptueller Recherche und interdisziplinären Ansätzen. Im Zentrum ihrer Arbeiten stehen psychologische Zustände, Projektion, Machtverhältnisse und die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen.

2014 erhielt sie für ihr Projekt Vom Vernichten einer Muse ein PIC Selected Stipendium in München. Seit 2019 arbeitet Rosenman zudem kuratorisch in enger Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern und verbindet ihre eigene Praxis zunehmend mit gemeinschaftlichen und dialogischen Formaten.

Victoria Rosenman in Berlin
Victoria Rosenman, Berlin

Foto von Johannes Pol

Ausstellungen — Selected

2026
  • Culterim | Studios Show #5, Groupshow, CANK, Berlin
  • „Fleisch", Galerie Froschhammer Art, Self-curation, Berlin
  • STARKE FRAUEN, Groupshow, Galerie Vierecke, Hamburg
2025
  • „THE BIG FATIGUE", Groupshow, self-curation, Schlachthofgelände, Berlin
  • „future icons", Groupshow, self-curation, G.i.d.a.K (Glue), Berlin
2024
  • „erotic jungle", Groupshow, self-curation, Galerie Z22, Berlin
  • „Versuchung", Groupshow, self-curation, G.i.d.a.K. (Glue), Berlin
  • „censorship", Groupshow, DOM Art Residency, Sitges, Spanien
2023
  • „I'll get there on time", Soloshow, Haze Gallery, Berlin
  • „Zeitenwende", Groupshow, CSR Gallery, Berlin
  • „Triumph of women", Groupshow, Haze Gallery, Berlin
  • „200 unter 2000", Groupshow, CSR Gallery, Berlin
  • „Concepts for mitigations", Soloshow, Haze Gallery, Berlin
2021
  • „Yummy", Groupshow, Monopol, Berlin
2020
  • „Don't kill me", Soloshow, Haze Gallery, Berlin
  • „50/50 — matter of duality", Groupshow, Paul-Fleischmann-Haus, Berlin
  • „Dark Christmas", Groupshow, kuratiert von Uwe Goldenstein, Paul-Fleischmann-Haus, Berlin
  • „Vorbereitungen für ein Manifest", Soloshow, Dr. Schreygers Kunstpalast, Berlin
  • „HAZE — Resident S001", Groupshow, Haze Gallery, Berlin
2019
  • „Princess Slaughter", Groupshow, self-curation, Atelierhof Kreuzberg, Berlin
  • „Vom Vernichten einer Muse", Soloshow, Artlab, Berlin
2018
  • „I WANT", Groupshow, Villa Grunewald, Berlin
2016
  • „Testrakete 2.0", Groupshow, Marstall, Schwerin
  • „Musen, Fetische, Hybride", 2-Mann-Show, Galerie Fresh Eggs, Berlin
2015
  • „Sterne der Seidenen Strasse", Groupshow, Nationales Museum, Bishkek, Kirgistan
2014
  • „Vom Vernichten einer Muse Vol. 3", Soloshow, Fresh Eggs Galerie, Berlin
  • „Vom Vernichten einer Muse Vol. 2", Soloshow, Abhörstation, Berlin
2013
  • „Vom Vernichten einer Muse", Soloshow, David & Galstaun Studio, Berlin

Korrespondenz

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10178 Berlin
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